Verlängerung der Marktzulassung von Glyphosat: Nach dem #Dieselgate ein #Glyphosatgate?

Glyphosat ist eine Chemikalie, die unter anderem in Unkrautvernichtern wie Monsantos Roundup verwendet wird und inzwischen das meist verwendete Herbizid weltweit ist. Die Zulassung für den Verkauf des Herbizids in Europa läuft am 31. Dezember 2017 aus.

Was bisher geschah…

20. März 2015

Die Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation (IARC) stuft Glyphosat als « wahrscheinlich karzinogen » ein.

12. November 2015

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) schlussfolgert nach der eigenen Risikoprüfung, dass es unzureichende wissenschaftliche Beweise für eine karzinogene Wirkung von Glyphosat gibt und schlägt sogar vor, die akute Referenzdosis (annehmbare tägliche Dosis) zu erhöhen.

27. November 2015

96 unabhängige Wissenschaftler wenden sich in einem offenen Brief an den EU-Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit und kritisieren die „unglaubwürdige“ Einschätzung der EFSA, „because it is not supported by the evidence and it was not reached in an open and transparent manner.“[1]

17. März 2016

Die EU-Kommission schlägt eine Verlängerung der Marktzulassung des Herbizids für weitere 15 Jahre vor. Als sich abzeichnet, dass es unter den Mitgliedstaaten keine Mehrheit für diesen Vorschlag gibt, wird die geplante Abstimmung abgesagt.

13. April 2016

In einer Resolution[2] fordert das Europäische Parlament eine Verlängerung der Zulassung für 7 Jahre, allerdings mit erheblichen Einschränkungen: Verbot der Nutzung „in oder in der Nähe von öffentlichen Parks und Plätzen“ und für den nichtprofessionellen Einsatz.

16. Mai – 29. Juni 2016

Mangels nötiger Mehrheit reduziert die EU-Kommission die vorgeschlagene Dauer der Neuzulassung auf 9 Jahre und beschließt schließlich unilateral, die Zulassung nur bis Ende 2017 zu verlängern und den Bericht der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA) abzuwarten.

15. März 2017

Die ECHA kommt zu dem Schluss, dass die verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht die Kriterien erfüllen, um Glyphosat endgültig als karzinogen einzustufen.

16. Mai 2017

Das Kollegium der EU-Kommissare beschließt, den EU-Mitgliedsstaaten einen neuen Vorschlag für die Erneuerung der Glyphosat-Zulassung für 10 Jahre zu unterbreiten.

Monsanto-Papers: Systematischer Betrug von Monsanto & co. Pestizid-Zulassungsprozess?

Intransparenz und Interessenkonflikte bei der Europäischen Lebensmittelsicherheitsbehörde (EFSA)

Fundamentale Unterschiede in der Bewertungsprozedur

IARC

EFSA

Nur öffentlich zugängliches Material: Die Krebsforschugnsagentur der WHO nutzt für ihren Evaluierungsprozess nur öffentliche Studien, die von Wissenschaftlern peer-reviewed werden konnten.

Geheime Studien der Industrie: Die Bewertungen der EFSA basieren meist auf unveröffentlichten Studien, die von Pestizidherstellern selbst in Auftrag gegeben und eingereicht werden.

Transparenter Prozess der Risikoeinschätzung: Das Panel der IARC besteht aus unabhängigen Wissenschaftlern, die sorgfältig geprüft werden und im Vorfeld des Prozesses finanzielle Interessenserklärungen abgeben müssen.

Anonyme Autoren: Der Prozess ist gänzlich anonym, dh es ist weder nachvollziehbar welche Autoren mitgewirkt haben, noch welche andere Interessen diese Autoren haben.

Forderungen der Grünen: Alternativen fördern statt Weiter-So-Wie-Bisher

Die Europäische Kommission muss angesichts der systematischen Fehler, die während des Risikobewertungsprozesses gemacht wurden, umgehend eine interne Untersuchung einleiten. Die Ursachenforschung muss sich auch darauf erstrecken, durch wen und in welcher Form eine mögliche Einflussnahme erfolgte.

Die Behörde, die über Sicherheit der Lebensmittel in der EU befindet, nimmt unveröffentlichte Studien als Basis für ihren Befund an und lässt sich in ihrem Urteil von Lobbyisten statt Wissenschaft leiten. Dies ist weder tragbar noch glaubwürdig. Um die Lebensmittelsicherheit der Europäer zu garantieren, muss die Funktionsweise der EFSA, sowie die Kriterien nach denen sie Studien annimmt, reformiert werden. Deshalb fordern die Grünen im Europaparlament einen Untersuchungsausschuss, um die Vorgänge zu untersuchen.

Die Verlängerung der Zulassung für Glyphosat, die sich auf die fehlerhafte EFSA-Bewertung stützt, wäre grob fahrlässig. Statt einen neuen Vorschlag für eine Zulassung von 10 Jahren zu unterbreiten, muss die Europäische Kommission das laufende Zulassungsverfahren stoppen und auf Grundlage eines neuen, von unabhängigen Experten erarbeiteten Bewertungsberichts neu aufrollen. Es darf keine Verlängerung der Zulassung geben, solange es Zweifel an der Wissenschaftlichkeit und Objektivität der Begutachtung gibt.

Die biologische Landwirtschaft zeigt, dass Glyphosat für produktiven Landbau nicht notwendig ist. Die Landwirtschaft der Zukunft muss auf hohe Biodiversität und eine Vielfalt von angebauten Pflanzen setzen. Sie muss insbesondere die gewaltigen Monokulturen, die Schädlinge überhaupt erst anlocken, vermeiden und Fruchtwechsel betreiben, damit sich Schädlinge nicht in Boden und Vegetation festsetzen können. Es gibt sicherere, chemie-freie Alternativen zu Glyphosat: Dazu gehören Fruchtwechsel, flaches Pflügen oder Unkrauthacken.

Bessere Datenverarbeitung und sensiblere Sensoren in modernen Maschinen erlauben eine effizientere mechanische Unkrautbekämpfung. Dadurch wird der größte Nachteil der mechanischen Unkrautbekämpfung – weitaus höherer Arbeitsaufwand und dadurch entstehende Mehrkosten – behoben.

Als Übergangslösung für die post-Glyphosat-Ära sollten Landwirte verstärkt auf biologische Pflanzenschutzmittel setzen können, da diese in vielen Fällen den gleichen Nutzen haben, aber wesentlich geringere Risiken für Umwelt und Gesundheit bergen als chemische Herbizide. Die Zulassungsprozeduren für Biologische Pflanzenschutzmittel sind in der EU wesentlich komplizierter als für chemische Wirkstoffe und müssen dringend vereinfacht werden!

Um die Landwirte bei der Umstellung weg von Glyphosat zu unterstützen und für eventuelle Ertragsminderungen zu kompensieren, müssen Gelder aus der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) in einem eigens eingerichteten Anti-Glyphosat-Fond mobilisiert werden.

Das übergeordnete Problem: eine hochkonzentrierte Agrarindustrie

[1] http://www.efsa.europa.eu/sites/default/files/Prof_Portier_letter.pdf

[2] http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-//EP//NONSGML+TA+P8-TA-2016-0119+0+DOC+PDF+V0//DE

[3] http://www.lemonde.fr/planete/article/2017/03/18/ce-que-les-monsanto-papers-revelent-du-roundup_5096602_3244.html

[4] https://euobserver.com/environment/137741

[5] http://www.efsa.europa.eu/sites/default/files/4302_glyphosate_complementary.pdf

[6] “Carcinogenicity Study with Glyphosate Technical in Swiss Albino Mice” (2001), Glyphosate technical: Dietary Carcinogenicity Study in the Mouse” (2009), “HR-001: 18-Month Oral Oncogenicity Study in Mice” (1997)

[7] Ivan Mammana (2014): Concentration of Market Power in the EU Seed Market  (http://www.martin-haeusling.eu/images/attachments/140128_GreensEFA_Seeds-study_CONCENTRATION_OF_MARKET_POWER_IN_THE_EU_SEED_MARKET_UK.pdf)


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